/ / Übersicht Faszientherapie – Insider Informationen
Übersicht Faszientherapie - Insider Informationen - 3 Formen: traditionell, Faszienrolle, manuelle Therapie
Lesezeit 19 Minuten

Diese Übersicht der Faszientherapie zeigt die unterschiedlichen Methoden der Faszienbehandlung und -therapien auf. Wann eine Behandlung mit Schwerpunkt der Faszien sinnvoll ist und wann tatsächlich etwas anderes. Und welche guten Alternativen zu Rolfing ehrlicherweise auch existieren. In dieser „Übersicht Faszientherapie“ lesen Sie auch, wann Faszienbehandlung potenziell schädlich für Sie sein kann. Gleich zu Anfang erfahren Sie Wichtiges über Faszien, um so selbst Faszientherapien bewerten zu können.

Warum überhaupt Faszientherapie? Dazu einen halben Schritt zurück. Unsere Sesshaftigkeit hat sich über die letzten Jahrtausende deutlich gesteigert. Vom umherziehenden Nomaden zum digitalen Nomaden. Vom trabenden Jäger zum „Hello-Fresh“-Besteller. Dennoch – unsere Faszien sind weiterhin auf Bewegung und klare Impulse ausgelegt. Doch wer rastet, der rostet. Folglich fühlen sich unsere Faszien oft verklebt und ungeschmeidig an. Aus Steifigkeit werden Schmerzen und/oder das allgemeine Gefühl des Unwohlseins.

Durch gute Faszientherapie lassen sich Verklebungen der Faszien lösen. Die Gleitfähigkeit im Gewebe selbst wird verbessert. Das Nervensystem, das in den Faszien eingebettet ist, wird von Schmerz verursachenden Fehlinformationen befreit. (Dazu später mehr).

Der Nutzen von Faszientherapie – warum Sie eine gute Faszienbehandlung suchen

5 wichtige Informationen zu Faszien

Unser Wissen über Faszien ist in den letzten 20 Jahren explodiert. Aus dem langweiligen, leblosen Bindegewebe wurde ein lebendiges, aktives, sich ständig im Umbau befindliches Organ. Genauso wie es Dr. Ida Rolf vor 50 Jahren benannt hat, als sie von unserem Fasziensystem als dem Organ der Haltung gesprochen hat.

Warum ist es wichtig, unsere Vorstellungen von Faszien als leb- und gefühllosen Gewebematerial zu korrigieren? Weil es direkten Einfluss auf die Wahl der Faszientherapie hat und wie wir unsere Faszien behandeln bzw. misshandeln.

Ein historisches Beispiel, um zu zeigen, wie Vorstellungen unser Handeln prägen: Lange wurde geglaubt, dass Kleinkinder keine Schmerzen wahrnehmen. Goggeln Sie einmal „Kinder ohne Narkose operiert„. Mit unserem heutigen geändertem Wissensstand ist das unfassbar. In abgeschwächter Form gibt es diese Vorstellung in Teilen der Pädagogik, dass Kinder sich an nichts erinnern, was vor dem 4.-5. Lebensjahr geschieht. Diese Überzeugung hat natürlich direkten Einfluss auf den Umgang mit Kindern!

Zurück zur dieser Übersicht der Faszientherapie und dem, was Sie über Faszien wissen sollten. So können Sie bewerten und entscheiden, welche Faszientherapie für Sie richtig ist. Möglicherweise ändern Sie dann auch Ihre Trainings- oder Sportroutine.

Oberflächliche Faszie

  • Wie eine Nylonstrumpfhose umhüllt eine oberflächliche Faszie unseren gesamten Körper.
  • Zug an einer lokalen Stelle (z.B. durch Narben) verändern weitreichend die Spannung im Gewebe.
  • Die Faszienrolle (Black Roll) bedient vor allem die oberflächliche Faszie.

Tiefe Faszienstrukturen

  • Tiefe Faszien umhüllen alle Muskel, Organe, Knochen. Im Querschnitt wie die großen Adern in einem Blatt.
  • Dazwischen liegen Faszien, die kleinere „Bauteile“ einfassen: Nerven Blutgefäße, Muskelfaserbündel, entsprechend den Segmenten zwischen den Blattadern.
  • Manuelle Behandlung erreicht tiefe Strukturen besser, da sie genauer ertastet.

Unser Nervensystem in den Faszien

  • Unser Fasziensystem ist hochgradig innerviert.
  • Unsere Körperwahrnehmung (Propriozeption) „lebt“ in unserem Fasziensystem.
  • Verspannungen sind oft aktive Schutzspannungen.
  • Faszientherapie ist auch immer eine Behandlung unseres autonomen Nervensystems. Verschrecken Sie keine schlafenden Hunde.


Alles ist mit Allem verbunden

  • Es gibt keine einzelnen Faszien, sondern nur ein 3-dimensionales verbundenes Fasziensystem
  • Störungen an einer Stelle können weit entfernt zu Beschwerden führen
  • Schutzspannungen führen zu Ausgleichsspannungen an anderer Stelle, um unsere aufrechte Statik zu erhalten.
  • Ganzheitliche Faszientherapie sollte auch immer unsere Haltung (Statik, Aufrichtung) berücksichtigen.


Reize formen unser Fasziensystem

  • Bei älteren, verletzten oder untrainierten Menschen „verfilzen“ Faszien.
  • Fehlende Bewegungsreize in unseren Faszien werden als Schmerzen interpretiert.
  • Federnde Bewegungen unterstützen die Bildung einer gesunden Faszienstruktur.
  • Intelligentes Training mit hüpfenden und schwingenden Bewegungen (z.B. Faszienyoga) hält Faszien dynamisch gesund.

Faszien bilden ein komplexes System. Das bedeutet, dass Probleme sich nicht durch eine „schicke“ Manipulation lösen oder alles ins Lot gebracht werden kann. Gezielte umsichtige Faszientherapie sollte Hand in Hand mit einem intelligenten Bewegungssystem handeln. Vergleichen Sie es mit einer schwergängigen, quietschenden Tür. Sie brauchen ein paar Tropfen gezielt gesetztes Öl (Faszientherapie) und dann bewegen Sie die Tür ein paar mal, (Faszientraining und intelligente Bewegungssysteme) um das Ganze gängig zu bekommen.

Die Frage Nr. 1 bei einer Faszientherapie

Sie leiden unter Schmerzen und Verspannungen. Und meistens denken wir dann an zu festes Gewebe. Doch oft ist die tatsächliche Ursache zu weiches Gewebe. Die eigentlich notwendige Stabilität kann für Bewegungen oder Haltung nicht hergestellt werden. Folglich gibt es als Ausgleich eine zu hohe Spannung und Kraftanstrengung in ungeeigneten Körperstrukturen. Und damit leiden Sie dann tatsächlich an Verspannungen. Der tiefere Grund ist jedoch eine fehlende Spannung. Diese sich ergebenden Ausgleichsspannung herunterzufahren ist zwar vordergründig wohltuend, aber weder anhaltend noch zielführend.

Die Weichenstellung für Sie in dieser Übersicht der Faszientherapie lautet: Sind Sie überhaupt für eine Faszientherapie geeignet oder welche Art passt für Sie? Oder laufen Sie Gefahr, sich damit sogar zu schädigen. Deshalb heißt die Nagelprobe für eine Therapie: „Zu fest oder hypermobil?“. Daraus leitet sich auch das „Wie“ der Faszienbehandlung ab.

Faszientherapie – gefährliche Hypermobilität

Beweglichkeit ist nicht nur ein Ergebnis von ausdauerndem Training, sondern auch des Bindegewebes, der Faszien. Sowohl unsere Genetik als auch unser Nervensystem bestimmen die Grundspannung der Faszien.

Dehnung und Mobilität laufen gegen diese Spannung. Wenn Sie eher hypermobil sind, dann erfreuen Sie sich in jungen Jahren einer ausgezeichneter Gelenkigkeit. Herausfordernde Yoga-Positionen können recht mühelos erreicht werden. Doch mit den Jahren zeigt sich dann, dass das weiche Fasziensystem auch zu einer geringeren Stabilität in den Gelenken führt.

Zum einen kann diese Weichheit der Faszien, dieser geringe Tonus global als Eigenschaft des persönlichen Bindegewebes auftreten. Zum anderen existiert diese geringe Spannung der Faszien oft auch nur lokal. Also z.B. eine hohe Gelenkigkeit in den Extremitäten bei gleichzeitiger hoher zentraler Spannung. Diese hohe zentrale Spannung zeigt sich möglicherweise als Skoliose oder Verdauungsproblematik. Nächtliches Zähneknirschen wäre auch eine mögliche Ausdrucksform dieser hohen zentralen Spannung.

Rückenschmerzen durch zu viel Kraft

Es gibt einen bemerkenswerten Abschnitt in Dr. Ida Rolfs Buch „Rolfing: Strukturelle Integration. Wandel und Gleichgewicht der Körperstruktur“ – übrigens das erste Buch über Faszientherapie überhaupt. Dort wird eine junge Frau (Dee) abgebildet, die etwas übergewichtig und mit weichem Gewebe erscheint. (S. 73 engl. Ausgabe) Dr. Ida Rolf betont, dass der Blick sich nicht von den weichen Konturen verleiten lassen sollte. Es sei nicht eine Frage von ein paar Pfund zu verlieren. Vielmehr habe es mit der Struktur der zu tief liegenden Wirbelsäule zu tun. Anders formuliert: sehr tief liegende Spannungen verhindern eine gute Unterstützung des unteren Rückens. Von außen hingegen erscheint alles viel zu weich. Für mich ist dies ein weiteres Beispiel dafür, dass sehr tief liegende Spannungen zu einem Kollaps des äußeren Gewebes führen können.

Hypermobilität und Rückenschmerzen kommen erstaunlich oft zusammen. Auch hier lohnt der Blick auf die möglicherweise tief liegende Wirbelsäule. Das spräche für eine tief liegende Spannung vor der Wirbelsäule. Das manuelle Bearbeiten des äußeren Rückens produziert zwar kurzfristig Linderung. Eine nachhaltige Lösung muss jedoch das gesamte „Spannungskonstrukt“, d.h. die gesamte Haltung behandeln. Nur so kann Kraft und Länge in den Gelenken in ein neues Gleichgewicht kommen. Rolfing und verwandte Arten der Faszientherapie haben genau diesen Blick auf Körperhaltung und Gesamtverspannung.

Sinnhafte Faszientherapie muss die zu tief liegenden Kräfte reduzieren, ohne oberflächliche Schichten auszuleiern.

Mögliche Fehler bei Hypermobilität

Die Faszientherapie Rolfing hat einen blinden Fleck, was die Ausbildung von Kraft angeht – leider. Dennoch glaube ich, dass in Fällen wie denen der oben beschriebenen jungen Frau nur gezieltes Bauch- und Rückentraining nicht zielführend ist. Ein Rücken kann instabil sein, nicht weil es zu wenig Kraft gibt, sondern tief liegend besteht eine zu hohe Spannung (Kraft). Die Frage dahinter ist auch, wie und warum sich eine Körperspannung tief in die Wirbelsäule „zurückgezogen“ hat. Dabei möchte ich hier ausdrücklich Körperspannungen nicht Psychologisieren. Ansätze wie Somatic Experiencing können jedoch umsichtige direkte Körperarbeit sinnvoll ergänzen.

Grundspannungen erhalten – Verspannungen behandeln

Menschen mit weichem Bindegewebe, geringem Tonus der Faszien sollten eine ausgeglichene sportliche Aktivität finden, die sie ihr Leben lang ausführen wollen und können. Übermäßiges Dehnen stellt eine echte Gefahr dar. Auf der anderen Seite hilft es, tiefe Spannungen aufzuspüren und zu behandeln. Dies ist jedoch weniger eine Frage der Faszien-Methode als des umsichtigen Therapeuten. Daher gleich eine Warnung:

Hypermobilität stellt eine Falle für Faszien-Therapeuten dar. Als Therapeut haben Sie Ziele, die in einem hypermobilen Körper scheinbar mühelos erreicht werden. Länge hier, Weite dort – alles geht ganz einfach. Und für den Klienten fühlt es sich obendrein meist noch gut an. Tatsächlich „verdehnen“ Sie jedoch das schon zu weiche Fasziensystem. Notwendige Grundspannungen, um Gelenke zu schützen, gehen dabei verloren. Beschwerden nehmen dadurch zu und nicht ab! Misstrauen Sie also dem übereifrigen Therapeuten. Für hypermobile Klienten gilt: weniger ist mehr und vor allem intelligent und nicht mit Gewalt. Das gilt auch, wenn Sie sich selbst behandeln, sei es mit Faszienrolle oder mit Faszien-Yoga.

Zu fest – zu steif – Gelenkverschleiß

Sie können sich zwar dehnen, aber es gibt Haltungen, die Ihnen unmöglich erscheinen. Aus dem Stand die Hände auf den Boden legen. In die Hocke zu gehen und die Ferse hebt nicht ab. Im Sitzen 180° nach hinten schauen können. Alles Bewegungen, die Sie machen können sollten. Der gute Teil der Nachricht ist: praktisch jeder kann das schaffen. Unser Körper gibt das her. Der schlechte Teil: das bedeutet bei festen Faszien einiges an Training und manueller Faszientherapie.

Dies ist kein Artikel über Yoga. Doch Rolfing hat als Faszientherapie viele Ideen aus dem Yoga übernommen. Und die Ideen von Dr. Ida Rolf sind auch in anderen Formen der Faszientherapie gelandet. Die Grundidee ist, Länge in den großen Gelenken zu bekommen. Sie benötigen zwar eine ausreichende Spannung, um das Gelenk zu schützen und in seinem Bewegungsradius sicher zu führen. Ist die Spannung jedoch zu hoch, dann zerstören sie letzten Ende Strukturen im und um die Gelenke.

Wenn Sie einen hohen Grundtonus besitzen, dann gibt es vorrangig 3 Ziele. So halten Sie Ihren Bewegungsapparat gesund:

  1. Schaffen einer Kernstabilisierung durch aktive Muskelkraft, ohne sich „nur“ ins Fasziensystem zu hängen.
  2. Freiheit rund um das Becken, um Hüftgelenk und den urogenital-Bereich beweglich zu halten.
  3. Länge auf der Vorder- und Rückseite, um nachhaltig Rückenproblemen vorzubeugen.
Verspannungen in Gelenken durch zuviel Zug und Kraft
Unsere Gelenke reagieren wie ein Pferd auf schlechte Zügelführung

Warum schädigt eine zu hohe Spannung der Faszien überhaupt die Gelenke? Ein Gelenk wird vereinfacht von Streckern und Beugern gesteuert, so wie ein Pferd von zwei Zügeln. Wenn ein Zügel eingezogen wird, dann muss der andere Raum geben. Was passiert aber, wenn die Raum gebende Seite nicht wirklich nachgibt? Entweder schränkt dies den Bewegungsradius ein, oder der Zug wird einfach erhöht.

Der Tierarzt und gelernter Bereiter Heuschmann: „Pferde, die mit kurzem Hals gehen und sich dem Zügelkontakt entziehen, indem sie sich einrollen, haben kein Vertrauen in die Reiterhand und sind total verspannt.“

Eine ganze Reihe von Beschwerden lassen sich auf einen zu hohen Tonus in den Faszien zurückführen. Offensichtlich ist dabei die Schädigung direkt im Gelenk. Bei dem Pferd oben ist dies das Kiefergelenk. Doch da Gelenke in Verbindung zum restlichen Körper stehen, dehnt sich dieser schädliche Einfluss aus. Beim Pferd ist es u.a. der gestauchte, nun viel zu runde Hals.

Zerstören Sie nicht Ihre Gelenke

Das entsprechende gibt es natürlich auch bei uns Menschen. Wenn Sie nachts mit den Zähnen knirschen, dann kennen Sie wahrscheinlich auch einen schmerzenden Nacken, möglicherweise daraus resultierende Kopfschmerzen und verspannte Schultern. Am Ende des Tages wird vielleicht sogar ein Carpal-Tunnel-Syndrom festgestellt, weil Ihre Finger nachts einschlafen. Deswegen schlafen Sie nun auch schlechter, sind gereizt, Ihre Anspannung steigt und Sie knirschen noch mehr mit den Zähnen. Es versteht sich, dass nur lokal ansetzende Faszientherapie nicht nachhaltig sein kann. Hier ist Geduld vom Patienten und Therapeuten gefragt. Nur so kann die Gesamtheit der Faszien in ein neues Gleichgewicht gebracht werden.

Faszientherapie mit und ohne Hilfsmittel

Instinktiv machen wir vieles richtig, wenn wir schmerzende oder verspannte Körperbereiche streicheln, kneten oder dehnen. Und weil wir selbst uns nicht überall richtig gut erreichen können, macht es Sinn, sich gutes Werkzeug zuzulegen. 2 mögliche Fehler bei der Selbstbehandlung:

  1. Sie sind nicht sehr umsichtig mit sich selbst. Sie wollen diese verd… Schultern jetzt endlich weich und schmerzfrei bekommen. Und dann gehen Sie es auch so richtig an. Wenn die Behandlung dann schmerzt, dann deuten Sie dies als „dann muss es ja wirken“. Als Erstes: haben Sie Geduld mit sich – eine wirkliche Herausforderung, die Herausforderung für die meisten von uns. Als Zweites: verinnerlichen Sie nochmals, unser Fasziensystem ist hochgradig invertiert, mit Gewalt kommen Sie da nicht durch. Dies ist eine Erkenntnis über Faszien, die wir beherzigen sollten. Sie wollen Faszien fördern und fordern, nicht überrennen und in den Kollaps bringen.
  2. Es gibt nicht ein Werkzeug für alle Gelegenheiten. Passen Sie das Werkzeug dem Gewebe und der aktuellen Empfindlichkeit an. Ein Golfball für die Plantarfaszie in der Fußsohle ist wahrscheinlich zu viel, nehmen Sie besser einen Indoor-Golfball. Ein Vollgummiball für die Schultern können zu fordernd sein, probieren Sie dann normale Tennisbälle.

Warum benötigen wir auch fremde Hände für eine nachhaltige Faszienbehandlung? Die Frage könnte auch heißen, wie gut sehen wir unsere blinden Flecke. Hände können 2 Dinge, die die beste Faszienrolle nicht kann: zum einen tief liegende Verspannung genau aufspüren und zum anderen neue Bewegungsmuster einleiten. Zu beiden später mehr.

Faszienbehandlung mit Hilfsmitteln

Tennisbälle

  • Eine alternative Anwendung bei verspannten Schultern können Sie hier nachlesen.
  • Einen Tennisball können Sie auch für Ihre Fußsohle nutzen. Stellen Sie dafür Ihre Ferse gut auf, um stabil zu stehen. Nehmen Sie den Ball unter Ihre weiche Fußsohle. Dann geben Sie langsam ihr Gewicht auf den Ball, aber so, dass Sie noch gut atmen können. Wechseln Sie die Position unter Ihrem Fuß. Seien Sie neugierig.


Faszienrolle

  • Sie können oberflächliche Strukturen mobilisieren
  • Der Flüssigkeitshaushalt im Gewebe wird verbessert.
  • Training und regenerative Selbstbehandlung lassen sich gut kombinieren.
  • Sie schulen die Körpereigenwahrnehmung an oft verborgenen Stellen Ihres Körpers.


Faszienbehandlung durch intelligente Bewegungssysteme

Wenn ich von intelligenten Bewegungssystemen rede, dann muss es aus Sicht der Faszien auch unintelligente Bewegungsformen geben. Und tatsächlich ist das so. Um hier Klarheit zu schaffen, nochmals ein Blick auf die Strukturen der Faszien.

Nylonstrumpf als Beispiel für den scherengitterartigen Aufbau von Fazien

Faszien ähneln in Vielem einem dehnbaren Nylonstrumpf. Die Grundstruktur ist scherengitterartig und schafft dadurch eine hohe Dehnbarkeit und Reißfestigkeit. Unterschiedliche Bewegungsrichtungen fordern jeweils andere Strukturen und Fasern der Faszien.

Zahlreiche sensorische Nervenendigungen in den Faszien melden Dehnungen und damit Bewegung. Diese aktivierten Nerven informierten damit auch über die Gesundheit des Gewebes.

Untrainiertes Gewebe verfilzt, Kollagen- und Elastinfasern in den Faszien vernetzen und verkleben. Durch die entstehenden Querverbindungen wird die Elastizität vermindert und in der Folge der Flüssigkeitshaushalt der Faszien verschlechtert.

Elastizität der Faszien unterstützt Ihre Kraft

Eine gedehnte Strumpfhose – so wie im Bild – schnalzt beim Loslassen in ihre alte Form. Sie hat also Energie gespeichert. Gleiches gilt für Faszien. Faszien und Knochen speichern dynamisch Energie, die sie z.B. im Gehen mit jedem Schritt auch wieder abgeben. Elastische Faszien sind also kein nettes Beiwerk, sondern für effiziente und kraftsparende Bewegungen unbedingt notwendig. Zudem werden bis zu 40% der Kontraktionskraft eines Muskels nicht durch spezielle Sehnen, sondern durch fasziale Verbindungen zum Muskel übertragen.

Veraltetes Verständnis über richtiges Dehnen

Je nach Training wurden Sie vielleicht gewarnt, beim Dehnen nicht zu wippen oder sich zu bewegen. Dadurch könnten durch schnelle Zugspannungen Sehnen verletzt werden. Dieses Wissen ist veraltet, genau so wie die Annahme, dass Spinat besonders viel Eisen enthält und deswegen besonders gesund ist. Aber Mythen sterben langsam.

Neuere Forschungen haben gezeigt, dass dies nicht der Fall ist und Faszien im Speziellen andere Reize benötigen. Denken Sie an die einzelnen Fasern der gedehnten Strumpfhose oben. Unsere Faszien funktionieren erstaunlich ähnlich. Sie wollen jede Faser dieser Faszien dehnen und mit einem Impuls versehen. Deswegen sind leicht wippende Dehnungen sinnvoll. Ändern Sie dabei auch immer wieder etwas die Richtung. Ihr Nervensystem in Ihren Faszien wird dabei bestmöglich stimuliert.

Intelligentes Training

Intelligentes Training startet damit, dass Sie Spaß haben. Sie werden auch dem weltbesten Training nicht treu bleiben, wenn Sie keine Lust auf die Trainingsumgebung, die Gruppe, die Trainerin, die Bewegungen haben. Gehen Sie also auf die Suche.

Und dann schauen Sie auf Abwechslung. Gibt es Beweglichkeit und Variationen in den Zielen. Denken Sie an den Nylonstrumpf. Es gibt nicht DIE richtige Bewegungsrichtung für die Faszien, es gibt nur eine Vielzahl an Möglichkeiten, unser Fasziensystem zu nutzen, bedienen Sie sich. Kommen Sie in Ihrem Training immer wieder auch in wippende, leicht schwingende Bewegungen. Verabschieden Sie sich von geführten, achsengerechten Bewegungen.

Faszienyoga: Eine Empfehlung kann ich für das Buch von Mattheus Els aussprechen: „Faszienyoga – Die effektivsten Übungen für jeden Bindegewebstyp“. Wenn Sie bereits im Yoga unterwegs sind, dann hilft Ihnen dieses kleine Büchlein, sinnvolle Ergänzungen für Ihre Fasziengesundheit einzubauen.

Faszientraining: Wenn Sie mit der Faszienrolle intelligent arbeiten wollen, auch in Zeiten von Corona zuhause, dann empfehle ich die Übungs-DVD von Markus Rossmann: „Blackroll® Faszientraining mit Markus Rossmann – Faszien DVD“

Bodybliss: Eine schöne Verbindung aus tiefem Verständnis für unser Fasziensystem sowie einer breiten Palette an Einflüssen unterschiedlicher Schulen ist Bodybliss. Lassen Sie sich von diesen Bewegungsmöglichkeiten animieren, um Ihre Körperwahrnehmung und Ihre Faszien lebendig zu halten.

Übersicht der Methoden in der Faszientherapie

Faszien sind auch zäh und oft eine echte Herausforderung für den Therapeuten. Was liegt da näher, als das richtige Werkzeug zu nutzen. Und Werkzeuge werden seit jeher in der Medizin eingesetzt. Schauen wir also:

Faszientherapie 1.0 - Hammertherapie rund um den Sitzbeinhöcker

Die Hammer-Massage erlebt eine gewisse Renaissance. Heutige Massage-Pistolen nutzen das gleiche Prinzip. Stöße dringen in tiefere Gewebeschichte und fördern die Durchblutung und lockern verspannte Muskulatur.

Im Bild wird eine zähe Faszien-Sehnen-Region bearbeitet, die nicht leicht zu dehnen ist. Im Prinzip wollen Rolfer das gleiche, wenn sie dort mit dem Ellenbogen arbeiten. Der Unterschied ist lediglich die Möglichkeit des Therapeuten, sensibel zu steuern. Aus dem Gewebe soll ja kein „Brei“ gemacht werden. Vielmehr gilt es, die zu festen Bereiche zu erspüren und dort sinnhaft Länge zu erzeugen.

Faszientherapie – mit Werkzeug

Faszientherapie mit Werkzeug hier ein IASTM Tool
Faszientherapie mit einem ISTAM (Instrument Assisted Soft Tissue Mobilization) Werkzeug

Die Palette an Hilfsmittel für Therapeuten ist breit und reicht von Unterstützung für den Daumen über Stangen aus Edelstahl bis zu Edelstahl-Schabern und zu Griffen, die wie Schlagringe aussehen. Zum einen sollen diese Werkzeuge die Hände der Therapeuten entlasten, zum anderen Zugang zu tieferen Gewebsschichten ermöglichen.

Ist es sinnvoll diese Werkzeuge in der Faszientherapie einzusetzen? Was ist eigentlich der Unterschied, wenn eine Berührung mit der Hand oder mit Edelstahl geschieht? Werden tatsächlich tiefere Gewebsschichten erreicht?

Meine Erfahrung als reiner Manualtherapeut: die Hand ist mehr als ein Werkzeug. Zum einen reagiere ich sehr schnell, teilweise nur in Teilen meiner Hand, auf Veränderungen im Gewebe. Dadurch kann ich dem sich lösenden Gewebe folgen, statt Veränderungen aufzuzwingen. Ich umlaufe damit das Alarmsystem des Patienten im Gegensatz zur Aktivierung des Alarmsystems bis es überlastet wird und zusammenbricht. (Unser Nervensystem versucht lange in seinem Regelungsbereich zu bleiben, fährt bei Überlastung jedoch in einen shut-down – der Sympathikus wird vom dorsalen Vagus „überrannt“ . Es kommt scheinbar zur Entspannung, dies ist jedoch kein Durchbruch in der Therapie sondern ein Zusammenbruch im Nervensystem des Patienten.)

Zum anderen überträgt sich über die Hand meine Körperspannung auf die des Klienten. Im Gegensatz zu den Spiegelneuronen, die uns erlauben Gestik und Mimik zu verstehen, sind hier die Gamma-Motor Neuronen direkt beteiligt. Das mag einigen wie Voodoo klingen. Meine Erfahrung in der täglichen Praxis jedoch zeigt, dies ist eine Realität. Wenn ich entspanne, dann entspannt sich auch der Klient, nicht nur global, sondern auch in ganz spezifischen verspannten Regionen. Rolfer nennen diesen Zusammenhang Gamma-Funktion des Klienten übernehmen. Damit dies gelingt, ist eine guter, direkter Kontakt notwendig. Schon eine Folie, die ich zur Behandlung oberflächlicher Nerven verwende, entkoppelt mich etwas von diesem Effekt.

Aus meiner Sicht stellen Werkzeuge eine Falle dar. Es ist der Glaube, dass Tiefe im Gewebe letzten Endes nur mit Gewalt erreicht werden kann. Diese Vorstellung produziert lediglich eine Schutzspannung im Patienten, untergräbt die Sensibilität des Therapeuten und damit die Genauigkeit der Manipulation. Dazu fällt mir Wilhelm Busch ein „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Musik ist hoffentlich mehr als Geräusch und Faszientherapie doch auch mehr als mechanischer Druck auf mm² Faszienfläche. (Siehe auch unser Nervensystem in unseren Faszien, weiter oben.)

Eine interessante Möglichkeit von Werkzeugen schlägt der Faszienforscher und Rolfer Dr. Robert Schleip vor. Mit einem kleinen Edelstahlschaber wird das Gewebe lokal gereizt. Dadurch entsteht eine lokale Entzündung, die hilft, eine gesunde Kontraktion nach Überdehnung zu erreichen. Pikanterweise läuft dieser Ansatz komplett in die gegensätzliche Richtung, über starke Reize mit Werkzeugen Entspannung und Länge zu erreichen.

Übersicht Faszientherapie – manuell

Dr. Ida Rolf war in gewisser Weise die Vorreiterin aller Faszientherapien. Sie verstand Faszien als ein System, das uns Haltung gibt und unsere Bewegungen in ein Verhältnis setzt. Ihr Verständnis Fasizien als Organ der Haltung zu beschreiben war vor mehr als 50 Jahren revolutionär.

Rolfing – Faszientherapie nach Dr. Ida Rolf

Dr. Ida Rolf betitelte ihr Lehrbuch bereits „Rolfing: Wiederherstellung der natürlichen Ausrichtung und strukturellen Integration des menschlichen Körpers für Vitalität und Wohlbefinden“. Daraus sind zwei – im wesentlich identische -Schulen entstanden: Rolfing und Strukturelle Integration. Der Unterschied liegt in der Tiefe und Dauer der Ausbildung. Absolventen der „European Guild for Structural Integration“ und der „European Rolfing Association“ sind jedoch beide auf hohem Niveau.

Anatomy Trains – Structural Integration

Tom Meyers ist ein Rolfer der alten Schule, er wurde noch von Dr. Ida Rolf ausgebildet. Als begnadeter Lehrer hat er mit „Anatomy Trains“ seine eigene Sichtweise auf Rolfing – strukturelle Integration aus anatomischer Sicht dargestellt. Obwohl er seine eigene Schule unter dem Name „Anatomy Trains“ gegründet hat, ist er doch stets ein Schüler von Dr. Ida Rolf geblieben. Absolventen aus Anatomy Trains sind ebenfalls gut ausgebildete Faszientherapeuten. Ich persönlich finde die Gliederung unseres Fasziensystem nach „Anatomy Trains“ eine sinnvolle Ergänzung und eine weitere Karte, um sich im Spannungsmuster unserer Faszien zu orientieren.

Myofascial Release

Myofascial Release ist eine weitere Spielart der Strukturellen Integration. Hier stehen faszienorientierte Techniken vor allem aus dem Rolfing im Vordergrund, ohne auf das Konzept von Rolfing groß einzugehen. Die technische Nähe zum Rolfing ergibt sich vor allem daraus, dass die meisten Lehrer zertifizierte Rolfer sind.

FDM – Fasziendistorsionsmodell

Der amerikanische Arzt und Osteopath Stephen Typaldos entwickelte eine Faszientherapie, bei der Beschwerden auf bestimme Formen der Verdrehungen oder Verformungen (Distorsionen) von Faszien zurückgeführt werden können. Daraus ergibt sich ganz schlüssig das Konzept: Gewebe wird in seine ursprüngliche Form zurückgebracht, dann verbessern sich auch die ursprünglichen Beschwerden.

Das Besondere dieser Methode ist, dass zur Diagnostik der zugrunde liegenden Distorsion die Beschreibung des Patienten herangezogen wird. D.h., Wortwahl und Gestik von Patienten entsprechen einer Systematik, die Stephen Typaldos unterschiedlichen Formen der Bindegewebs-Störung zuordnete. Damit steht die Aussage des Patienten mit seinen Beschwerden im Mittelpunkt. Dies ist bemerkenswert, da der Osteopath Jean-Piere Barral einen entgegengesetzten Ansatz wählt. Barral geht über die Beschreibung des Patienten hinweg und verlässt sich ausschließlich auf seine eigene manuelle Sensibilität, um Funktionsstörungen aufzuspüren.

Faszienbehandlung in der Osteopathie

Osteopathie hat natürlich auch schon immer in einem gewissen Umfang mit Faszien gearbeitet. Im Unterschied zum Rolfing ist Osteopathie ursprünglich jedoch nicht in dieser Ausschließlichkeit auf Faszien orientiert. Gelenkmanipulationen wurden viel eher aus der Gelenk-Mechanik verstanden als aus dem faszialen Umfeld. Da aber Osteopathie kein statisches Lehrgebäude ist, haben Erkenntnisse aus der Faszienforschung auch Einzug in das Handwerkszeug und das Verständnis der Osteopathie gefunden. Weder Rolfing noch Osteopathie haben die Hoheit über bestimmte Techniken oder Manipulationen. Durch die Münchner Gruppe gibt es zudem einen Austausch zwischen beiden Fraktionen.

Ein Unterschied zwischen Rolfing und Osteopathie bleibt jedoch im Ansatz bestehen. Osteopathie startet vielmehr vom pathologischen Verständnis als Rolfing. Rolfing hingegen sieht als Startpunkt das gesamte Spannungsverhältnis der Faszien und kommt von dort zu Beschwerden und Pathologien. Von außen betrachtet mag eine Rolfing-Sitzung wie eine Osteopathie-Behandlung aussehen. Sie wird sich jedoch anders anfühlen und Eingeweihte sehen auch die Unterschiede.

Zusammenfassung

Rolfing Logo

Welche Erkenntnis aus der Faszienforschung ist besonders wichtig für die Faszientherapie

Unser Fasziensystem ist hochgradig innerviert. Dadurch wird wesentlich unser Körperbild (Propriozeption) gebildet. Dieses intelligente System sollte auch intelligent behandelt werden.

Welcher Faszien-Typ ist bei unsachgemäßer Faszien-Behandlung besonders gefährdet?

Menschen mit weichem Bindegewebe, bzw. geringem Tonus des Fasziensystems sind für direkte Formen der Faszientherapie nicht geeignet. Sie dürfen ihre schützenden Grundspannungen nicht verlieren, auch wenn sie unter Verspannungen leiden. Hier ist besondere Umsicht des Therapeuten gefordert.