Von Yoga und Osteopathie zu Rolfing

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Von Yoga und Osteopathie zu Rolfing

Jede Neuerung, jede Methode hat ihre Wurzeln – so auch Rolfing. In diesem Beitrag sollen die Erkenntnisse zusammengetragen werden, die Dr. Ida Rolf sich in ihrem Leben erarbeitet hat; ihr Verständnis und Abwägen verschiedener Prinzipien und wie daraus die Methode „strukturelle Integration“ wurde, d.h. Rolfing, wie wir es meist nennen. Wesentliche Einflüsse für Rolfing waren dabei Yoga sowie Osteopathie.

Yoga – das Fundament

Porträt Dr. Ida Rolf 1924

Dr. Ida Rolf praktizierte die gesamten 1920er Jahre Hatha-Yoga bei dem Yogi Pierre Bernard (Peter Coon). Dabei studierte und übte sie nicht nur die verschiedenen Yoga-Positionen (Asanas). Hinzu kamen Vorträge und Diskussion über Hintergründe des Yoga. Diese Ernsthaftigkeit des Studierens machte Yoga zu einem der Eckpfeiler im Verständnis für Dr. Ida Rolf.

Auf körperlicher Ebene besteht das Ziel von Yoga darin, Platz in den Gelenken zu schaffen. Die Grundannahme im Yoga ist, dass unsere Körper Länge benötigt. Und diese Längung wird in den unterschiedlichen Positionen erreicht, indem gegenüberliegende Körperteile gezogen oder gegeneinander verdreht werden. Diese Vorstellung, Länge zu schaffen, ist so direkt in die Behandlungsziele von Rolfing eingeflossen. Es ist der kritische Blick des Rolfers auf den Klienten: Wo kann mehr Länge, mehr Platz sinnvoll integriert werden? Und vor allem: Welcher Bereich muss als Nächstes mehr Länge erhalten? Wo kann mehr Freiheit für das Gesamtsystem entstehen? Ich möchte dies nochmals betonen, da es so leicht untergeht. Rolfing hat zwar das Ziel von Länge aus dem Yoga übernommen. Hinzu kommt aber die Frage, wo im Körper die nächste Änderung geschehen muss, um insgesamt mehr Freiheit zu erreichen.

Einschub – der Rolfing Blick auf Yoga und die Kobra

Die Cobra Position hat viele positive Seiten, unter anderem eine Längung tief im Kern. Hinzu kommt eine Stärkung der Schulter-Stabilisierung über andernfalls schwer anzusteuernden Muskeln. Wie jede körperliche Herausforderung, so gibt es auch hier mehr als eine Lösung. Stabilisieren Sie Ihren Bauchraum über den geraden querlaufenden Bauchmuskel (Transversus) oder modulieren Sie die Spannung Ihres Psoas? Längen Sie Ihre Vorderseite oder komprimieren Sie Ihren Rücken? Versuchen Sie sich ins Faszien-Knochensystem zu hängen oder aktivieren Sie Ihre tiefe Kern-Muskulatur? Wo, d.h. in welcher Tiefe, verläuft Ihre Dehnung? Schädigen oder schützen Sie Ihre Nieren?

Die Cobra-Position hat das Potenzial Wut auszulösen, denn sie aktivieren Muskeln, die der vorbereitenden Stabilisierung für Aktivitäten dienen. Dabei sind Sie nach vorne geöffnet, d.h. eine Verteidigung ist schwerlich möglich. Zudem dehnen und aktivieren Ihren Sympathikus. Nicht umsonst heißt die Position Cobra – und nicht „schnupperndes Meerschweinchen“.

Wenn wir uns den Mann im letzten Bild ansehen:

Mann in Yoga Position mit unzureichender Längung im Brustbereich - der Rolfing Blick

Die Frage aus Rolfing Sicht lautet: „Welcher Bereich muss als nächster mehr Raum bekommen?“ Vielleicht sehen Sie es sofort? Dann ist die zweite Frage, „Warum ist dieser Raum nicht zugänglich oder – welcher Schutz liegt hier vor?“ Da ich selbst solch ein Kandidat bin, traue ich mir zu, diese Fragen zu beantworten. Für eine nachhaltige Verbesserung der sichtbaren Form der Cobra ist eine innere Längung tief unter dem Brustbein notwendig. Trotz gehobenen Kinns umläuft dieser Mann den wirklich heiklen Punkt. Er komprimiert lieber seinen hinteren Nacken, verzichtet auf eine Aktivierung tiefer Muskeln, die direkt vor der Halswirbelsäule liegen und versucht völlig ungeeignete Muskeln zu dehnen (u.a. SCM) Es ist auch eine Frage von Orientierung, d.h. einer grundlegenden Funktion unseres Nervensystems, wie zugänglich ihm der Raum vor dem Brustbein ist. Mehr dazu können Sie hier nachlesen.

Behandlung mit Yoga in den Anfängen

Dr. Ida Rolf war nicht sehr gesprächig, was ihr eigenes Leben und ihre eigenen Erfahrungen anging. Dennoch gibt es diese Geschichte aus den Anfängen ihres Praktizierens (1940): Es geht um Ethel, eine Musiklehrerin, die in New York in eine Baugrube gefallen war. Dabei hatte Ethel sich beide Arme und eine Hand so stark verletzt, dass sie nicht nur nicht mehr Klavierspielen konnte. Sie konnte sich noch nicht einmal die eigenen Haare kämmen. Die Aussage von Ethels Schwester war, dass Ethel ihre Hände nicht mehr gebrauchen konnte.

Doch Dr. Ida Rolf war überzeugt, dass sie Ethels Problem lösen konnte. Und so traf sie mit Ethel die folgende Vereinbarung. Sie stellte die Armen und Hände wieder her und im Gegenzug erhielten ihre Kinder Musikunterricht bei Ethel.

Dr. Ida Rolf nutzte Yoga-Übungen mit Ethel. Übungen, die sie selbst zu dieser Zeit praktizierte. Und nach vier Behandlungen waren die Arme und Hände so gut, dass der Musikunterricht beginnen konnte. Die Behandlungen waren sicher keine „übliche“ Yoga-Stunde. Vielmehr spiegelten sie das Yoga-Verständnis von Dr. Ida Rolf wider. Yoga schafft Länge direkt im Gelenk, zwischen den knöchernen Flächen durch Dehnung und Verdrehen, so wie es die Yoga-Stellungen ( Asanas) vorsehen. Und so schaffte Dr. Ida Rolf Länge in den Gelenken und als Folge kehrte die Bewegungsfähigkeit und schließlich die aktive Beweglichkeit wieder zurück.

Warum es nicht bei Yoga als Behandlungsmethode blieb

Ethels Erfolgsgeschichte sprach sich herum und so füllte sich die Praxis von Dr. Ida Rolf. Mit der Zeit und unterschiedlichen Patienten stellte sich jedoch die folgende Erkenntnis ein: Die Asanas schafften nicht notwendigerweise Länge in den Gelenken. Häufig produzierten sie sogar das genaue Gegenteil. Die Yoga-Übungen schufen Stauchungen zwischen den Knochenflächen.

Sicher steht jetzt der Einwand im Raum, dass dieses oder jenes Yoga-System oder diese besondere Yoga-Lehrerin genau darauf achtet. Ich möchte deswegen ausgleichend auf das Folgende hinweisen: Ida Rolf hatte zu diesem Zeitpunkt mehr als 20 Jahre aktive Yoga-Praxis hinter sich. Sie war überzeugt von der Wirksamkeit von Yoga. Sie hat Einzelstunden gegeben und korrigierend Hand angelegt. Dennoch hat sie den Weg mit Yoga zu behandeln, verlassen, denn zu häufig stellte sich der gegenteilige Effekt ein. Es folgte nicht die beabsichtigte Länge, sondern es kam zu Kompression und Verkürzung. Ich nutze Yoga für mich selbst, habe eine sehr gut geschulte Körperwahrnehmung und bin dennoch immer wieder erstaunt. Im Yoga gibt es eine große Herausforderung in Länge und Extension zu bleiben.

Die Suche nach anderen Bewegungsschulen

Und so schaute sich Dr. Ida Rolf bei anderen Übungssystemen um. Über Umwege traf sie dann Amy Cochran, eine ältere Osteopathin, der sie dann für einige Zeit nach Kalifornien folgt. Obwohl Dr. Ida Rolf offensichtlich viel von Amy Cochran lernte, so vermisste sie doch eine Erkenntnis bei ihr. Es war das Yoga-Wissen das Körper sich längen müssen, eine Einsicht die Dr. Ida Rolf immer hochgehalten hat.

Und noch etwas ist Dr. Ida Rolf treu geblieben. Es war die Überzeugung, das wirkliche Ziel von Yoga sei die Schaffung eines besseren Menschen. Die Yoga-Techniken und der Unterricht sollten die besten Qualitäten eines Menschen zum Vorschein und in die Entwicklung bringt. Und so hat sie dies auch für Rolfing als Methode in Anspruch genommen, dass ein freier, mühelos aufrechter Körper sein wahres Potenzial leben kann.

Osteopathie – der Einfluss auf Rolfing

Methoden, die wir nachhaltig auf unserem Körper erleben, hinterlassen meist tiefe Spuren. So war es auch bei Dr. Ida Rolf. Als junge Frau wurde sie von einem Pferdehuf getroffen. Daraufhin bekam sie Fieber, die Symptome sahen wie bei einer Lungenentzündung aus. Deswegen landete sie schlussendlich in einem Krankenhaus in Montana. Der Arzt dort war mit der Entwicklung der Genesung nicht zufrieden und schickte nach einem Osteopathen. Nach dessen Behandlung konnte sie zumindest wieder atmen und machte sich auf die Heimreise. Ihre Mutter organisierte dann die weitere Behandlung bei einem blinden Osteopathen, was zu der damaligen Zeit ungewöhnlich war. Es gab damals eine große Auseinandersetzung zwischen den Medizinern und Osteopathen. Osteopathen waren in keinster Weise anerkannt. In der Folgezeit befreundete sie sich mit diesem Osteopathen Dr. Thomas Morrison und begann sich für die Theorie der Osteopathie zu interessieren – dass die Struktur die Funktion bestimmt.

Dann gab es dieses Lehrjahr bei der Osteopathin Amy Cochran, der sie nach Kalifornien folgte. Dies war zu einer Zeit, als sie bereits angefangen hatte zu praktizieren, sie aber offensichtlich nicht immer die gewünschten Ergebnisse erreichte. Zudem hat sie bei William_G._Sutherland studiert, dem Gründer der Craniosakralen Osteopathie. Dabei wurde sie nie wirklich Schüler von irgend jemanden, in deren Fußstapfen sie dann weiterging. Vielmehr interessierte sie sich für die Prinzipen, die die Therapie begründeten.

Die Geschichte von Grace

Kinder machen ja Dinge, bei denen man als Erwachsener die Luft anhält. So auch Grace. Bei Grace muss es einen Pool gegeben haben, aber leider keine Rutsche, über die man mit Schwung ins Wasser hätte rutschen können. Aber es gab einen Pavillon mit schrägem Dach dicht neben besagtem Pool. Und so nutzte Grace das Dach des Pools, um darauf herunterzurutschen, ein Stück durch die Luft zu fliegen, um dann mit großem Platschen im Wasser zu landen. Sicher ein wahnsinniger Spaß.

Und dann gab es diesen Tag. Grace rutsche mit einem Freund vom Dach und flog durch die Luft. Und es ging höher und schneller und guck mal …. Grace war dann schneller und ihr Freund wird sauer und versuchte sie einzuholen und zu überholen. Und ihr Freund stößt sie und sie fliegt durch die Luft und landet nicht im Wasser, sondern auf dem Poolrand. Ihr Rücken knickte dabei einfach um.

Gezeichnet für’s Leben

Grace war damals 8 und dieser Unfall zeichnet sie fürs Leben. Ab diesem Punkt musste Grace ständig jemanden um sich haben, denn sie konnte so einfache Dinge wie das Aufheben ihrer Socken vom Boden nicht. Oder das Hochreichen, um das Rollo herunterzuziehen. Viele Jahre später, Grace ist mittlerweile 45, steht sie vor der Tür von Dr. Ida Rolf.

Es sind die Kriegsjahre des 2. Weltkriegs und Dr. Ida Rolf kommt von ihrer Zeit bei der Osteopathin Amy Cochran nach New York zurück. Sie hatte dort sicher viel gelernt, doch es gab auch eine Erkenntnis, die sie bei der Osteopathie von Amy Cochran vermisste. Es war ihr Wissen aus dem Yoga, das, womit sie ursprünglich gestartet war: „Körper müssen sich längen“. Dr. Ida Rolf krempelte nun ihre Ärmel auf und meinte zu Grace: „Wir werden arbeiten und wir werden dich wieder herrichten“.

In dieser gemeinsamen Arbeit würde Dr. Ida Rolf immer wieder Grace betrachten, um dann festzustellen: „Das ist an der falschen Stelle.“ Im nächsten Schritt fragte sie Grace: „Fühlt es sich in diese Richtung besser an oder eher die andere.“ Und Grace gab ihre Beurteilung ab. Und so haben sie gemeinsam Stück für Stück neu organisiert und den Körper von Grace strukturiert. Diese Arbeit ging so für einige Jahre. Am Ende packte Grace ihre Sachen und zog nach Kalifornien, ganz allein und selbstständig.

Die Idee von struktureller Integration – Rolfing

In der Arbeit mit Grace wurde Rolfing geboren. Aus dem ursprünglichen Ansatz manipulative Techniken und Bewegung zusammenzubringen entstand ein Konzept: Bindegewebe, d.h. Faszien, dahin zu bringen, wo es „eigentlich“ hingehört. Ed Maupin, ein Rolfer der ersten Stunde und noch von Dr. Ida Rolf ausgebildet, fasste einmal die Arbeit von Rolfing folgendermaßen zusammen. „Bringe das Gewebe dahin, wo es hingehört und fordere Bewegungen ein. “ Und ich muss ergänzen, dass er mit Gewebe das Fasziensystem meint.

Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen Struktur und Funktion, sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Wenn uns die Struktur nichts über die Funktion sagt, bedeutet dies, dass wir sie nicht richtig betrachtet haben.

Andrew Taylor Still, 1899 – Gründer der Osteopathie

Ich kann nur vermuten, dass Dr. Ida Rolf bei ihrem Studium der Osteopathie das obige Zitat gelesen hat. Auch sie wollte im Rolfing die Funktion verbessern, indem sie die Struktur verändert. Sie war jedoch davon überzeugt, dass es meist nicht genügt, nur die Knochen wieder in die richtige Postion zu bringen.

Bei Unfällen wie ihrem eigenen mit einem Pferd ist das Einrenken der knöchernen Strukturen zwar die Lösung. Das osteopathische Ausrichten der Rippen löste die Behinderung in den Rippengelenken und Dr. Ida Rolf konnte wieder frei atmen. In Fällen wie bei Grace werden die Gelenke jedoch durch das umliegende Gewebe in ihrer falschen Postion gehalten. Und wenn ein Muskel chronisch zu kurz ist, dann wird er das Gelenk aus seiner Position ziehen. In diesem Fall wird Einrenken des Gelenks nicht reichen. Das umliegende Fasziensystem muss sich längen, damit die richtige Gelenkstellung von Dauer ist.

Und dann gibt es noch einen wesentlichen Unterschied im Rolfing zur Osteopathie. Wenn der Körper – wie bei Grace – über lange Zeit in Nöten ist, dann gerät der gesamte Körper aus dem Lot, nicht nur um die ursprüngliche Verletzung herum. Es gilt also, das gesamte System aus Anspannungen und Verkürzungen, das gesamte Fasziensystem wieder in eine Balance zu bringen. Rolfing besteht deswegen aus zwei Kompenten: Die lokale, meist faszienorientierte Behandlung sowie der Blick auf das Gesamt-Fasziensystem, indem sich Schutzhaltungen und Schmerzvermeidung niedergeschlagen haben. Für eine nachhaltige Heilung müssen beide Askpekte, der lokale Ursprung als auch die Gesamt-Balance behandelt werden. So entsteht strukturelle Integration, das ist Rolfing.

Von Yoga und Osteopathie zu Rolfing – Zusammenfassung

Rolfing Logo
Welche Idee hat Rolfing aus dem Yoga übernommen?

Dr. Ida Rolf hat über Jahrzehnte selbst Yoga betrieben und dessen Philosophie studiert. Aus diesem Studium hat sie das Ziel übernommen, dass eine erfolgreiche Behandlung gezielt Länge im Fasziensystem herstellen muss.

Warum hat Dr. Ida Rolf nicht nur mit Yoga behandelt?

Anfänglich hatte Dr. Ida Rolf ihre Patienten vor allem mit Yoga-Übungen behandelt, um die gewünschte Länge zu erreichen. Dadurch konnte sie Gelenkblockaden lösen und Beweglichkeit wieder herstellen. Sie stellte jedoch fest, dass Yoga oftmals nicht nur keine Längung erreichte, sondern dass vielmehr Stauchung und ein Verkürzen die Folge war.

Welchen Einfluss hatte die Osteopathie auf Dr. Ida Rolf und damit auf Rolfing?

Dr. Ida Rolf ist als junge Frau nach einem Pferdetritt sehr erfolgreich von einem Osteopathen behandelt worde. Aus dieser Behandlung entstand eine langjährige Freundschaft mit diesem älteren blinden Osteopathen. Später ist sie ein Jahr bei einer Osteopathin in Kalifornien in die Lehre gegangen. Zudem hat si Keurse von William G. Sutherland besucht.

Worin grenzte sich Dr. Ida Rolf von der Osteopathie ab?

Sie lenkte ihren Fokus von der Ausrichtung der knöchernen Strukturen auf die gezielte Längung des umgebenden Fasziensystems. So verändern sich Körperstrukturen – vor allem bei alten Verletzungen – nachhaltig. Neben dem Blick auf lokale Verletzungen gibt es den Blick auf die Gesamt-Balance des Körpers. Diese Balance gerät bei chronischen Fehlbelastungen, Schutzhaltungen und Schmerzvermeidungen aus dem Lot und muss als Gesamtsystem neu ausgerichtet werden.