Kompass Orientierung und Ausrichtung Kernelement in Faszientherapie Rolfing

Eigentlich glauben wir, „Mutter Natur“ wird es schon richten. Sie haben eine Verletzung oder Operation gut überstanden und ganz selbstverständlich erwarten Sie dann, alles ist wie davor, dieselbe Aufrichtung, dieselbe Beweglichkeit. Ja, vielleicht etwas Physiotherapie, danach soll es aber gut sein! Und eigentlich sollte es so auch sein. Aber ganz häufig ist es eben nicht so. Der Punkt dabei ist: Sie merken es nicht gleich. Sie registrieren erst einmal nur, dass es besser wird – und das ist auch gut so. Doch Ihr Körperkompass hat sich unmerklich verstellt. Aufrichtung und Orientierung sind Kernelemente in der Faszientherapie Rolfing. Dadurch unterscheidet es sich von anderen manuellen Therapieformen wie Osteopathie und Chiropraktik. Im Folgenden der besondere Blick auf unsere Veränderung er eigenen Wahrnehmung im Körper nach Verletzungen.

Wie es dazu kommt, dass Ihr Kompass falsch ausgerichtet ist

Kennen Sie das? Sie haben sich den Fuß verstaucht und können nicht so richtig auftreten. Und um nicht so richtig aufzutreten, ziehen Sie alles, was darüber liegt, nach oben. Das Schienbein, die Hüfte, die Taille, die Rippen und die Schulter. Alles vom Fuß bis zum Ohr. Nicht, dass Sie wirklich dadurch leichter würden. Aber es hilft irgendwie dem Schmerz auszuweichen. Sie halten deswegen sogar ein wenig die Luft an. Wenn Sie dem jetzt gefolgt sind und in Ihrem Körper diese Situation nachgestellt haben, dann brauchen Sie nur tief auszuatmen und sich einmal bewegen. Und schon pendelt sich Ihr Kompass wieder richtig ein. Alles ist wie vorher. Doch je länger diese Situation anhält, um so eher hinterlässt es Spuren. D.h. Ihre Aufrichtung wird sich durch Ihre Anpassungen an Ihre Verletzungen nachhaltig ändern. Und Ihre Aufrichtung wird Ihr Faszien-System verändern. Und danach wird Ihr Haltung Ihre höheren Spannungen in den Faszien widerspiegeln.

Kompass wird durch Störung abgelenkt - Körper verliert durch Verletzung Orientierung
Störungen verstellen unseren Körperkompass

Ab wann verstellt sich unser Kompass nachhaltig

Maxwell Matz stellte als plastischer Chirurg in den 1950er Jahren fest, dass es mindestens 21 Tage braucht, um sich an einen chirurgischen Eingriff zu gewöhnen. So falsch die Vereinfachung ist, dass es 21 Tage braucht um Gewohnheiten zu ändern, so bedeutend ist doch seine Beobachtung. Sein Startpunkt war ja, dass sich bei vielen seiner Patienten der Körper auf die Folgen der Operation nach 21 Tagen einstellten. Aus medizinischer Sicht ist diese Aussage sicher positiv, der Körper adaptiert. Aber anders formuliert heißt es, der Körper verinnerlicht die Folgen einer Operation oder eben auch einer Verletzung. Veränderungen werden als permanent akzeptiert. Es gibt eben kein automatisches Zurückstellen, was bei einer plastischen Operation auch nicht ginge. Die Gefahr ist nur, dass dies auch dann mit Schonhaltungen geschieht, wenn der Körper eigentlich zu seiner ursprünglichen Orientierung und Stabilisierung zurückkehren könnte.

Um zu zeigen, was für Langzeitwirkungen ein banaler Unfall haben kann, möchte ich im Folgenden meine eigene Geschichte erzählen. Sie zeigt auch, wie eine lange zurückliegende Verletzung meine Aufrichtung behindert hat. Zudem ist es ein Teil meiner Geschichte, die mich selbst zum Rolfing gebracht hat.

Wie ein gut geheilter Knochenbruch noch lange nachwirkte

Ich habe mir mit 12 meinen Unterarm gebrochen, weil ich beim Fahrradfahren Blödsinn gemacht hatte. Es war nicht wirklich schlimm, ich dachte eigentlich, ich hätte mir nur die Hand verstaucht. Mein Vater wollte dann abends doch meine Hände sehen und meinte nur, „gebrochen, der Junge muss ins Krankenhaus“. Das war nicht so schlimm, wie es klingt. Mein Vater war Arzt an eben diesem Krankenhaus. Ich wurde deswegen auch sehr nett aufgenommen, kurz in Narkose gelegt und der Arm wurde gerichtet. Es war eine sogenannte Grünholzfraktur, d.h. die Knochenhaut war nicht beschädigt, deswegen die geringen Schmerzen. 1 Woche Krankenhaus und 6 Wochen Gips folgten. Da es mein rechter Arm war, konnte ich leider 6 Wochen lang keine Hausaufgaben machen, was mir den Unfall im Nachgang etwas versüßte. Der Knochen verheilte und bis auf eine kleine Kerbe, die ich heute immer noch tasten kann, war alles ausgeheilt.

Ich erzähle dies alles, um zu sagen, es war alles nur ein Kinderunfall. Pflaster drauf, und gut ist. Keine seelische Belastung. Warum sollte nicht alles so sein wie vor dieser Lappalie. Und dann 30 Jahre später die Feststellung, dass meine Zwischenknochenmembran im Unterarm fester ist als „normal“. Sie müssen jetzt keine Anatomie studieren, keine Sorge – nur eine kurze Erklärung was es mit dieser Membran auf sich hat. Dieses Problem ist weiter verbreitet als gemeinhin gedacht. Also, diese Membran verbindet flächig Elle und Speiche. Sie dient unter anderem als Ansatzstelle für verschieden Unterarmmuskel. Sie stellt aber auch eine zäh-elastische Verbindung zwischen unseren beiden Unterarmknochen her. Und sie dient damit auch als Stoßfänger und Puffer bei Belastungen auf die Hand. Diese Membran sollte sich wie ein festes Trampolin anfühlen und nicht wie ein hartes Brett, wie es bei mir nach 30 Jahre war.

Wenn wir Elastizität verlieren


Um eines vielleicht klarzustellen. Meine Hand, mein Unterarm war bestens beweglich. Keine Beschwerden oder Einschränkungen, welcher Art auch immer. Kurzum völlig gesund. Doch Mutter Natur ist schon smart. Wenn es einen Stoßfänger gibt, dann hat der auch eine Funktion. Und dann wollen wir diese Funktion auch wie „geplant“ nutzen. Bei jedem Abfangen mit der Hand, bei jedem Stoß auf die Handwurzel, bei jedem Abstützen, fängt dieser Stoßfänger einen Teil der Energie ab. Unser Unterarm ist kein knöcherner Stock. Er ist vielmehr eine zäh-elastische Federung zwischen Hand und Oberarm. Er ist damit ein Fallbremser wie bei dem kleinen Mädchen oben, ein Ellenbogengelenkschoner, ein Handgelenkschützer.

Kleines Mädchen steht nach Sturz auf die Hände wieder auf

Und hilft, wie bei dem kleinen Mädchen, als Wieder-Aufsteh-Könner zu helfen. Wir brechen uns eben nicht unsere Knochen, wenn es in unserem Körper elastisch zugeht.

Und bei mir? Ein permanent entzündetes Ellenbogengelenk und ein Carpal-Tunnel-Syndrom. Meine lang zurückliegende Verletzung hatte unmerklich meine Ausrichtung verändert. In der Folge hatte sich mein Faszien-System angepasst. Dadurch verlor ich einen Gutteil meiner Elastizität.

Das heißt, wir wollen eben soviel Elastizität in unserem Körpersystem behalten, wie ursprünglich angelegt. Und wenn Verletzungen oder Operationen unsere Aufrichtung und Beweglichkeit einschränken, dann wird das über die Zeit Folgen haben. Es ist dabei nicht immer leicht zu sagen, wo und wie unsere Anpassungen geschehen.

Welche Verletzungen und Operationen haben den größten Einfluss auf unsere Aufrichtung?

Die kommende Vorstellung ist nicht so ganz offensichtlich. Und zwar, weil unsere Bild von unserem Körper eher mechanisch ist. Der Körper ist das, was Sie anfassen können. Haut, Knochen, Muskeln Sehnen. Und weil Sie nun schon auf einer Internet-Seite für Faszientherapie sind, natürlich auch Faszien, d.h. Bindegewebe. Und folglich halten wir die rein mechanische Einwirkung auf unseren Körper für die Kraft, die z.B. unsere Wirbelsäulenaufrichtung ändert oder stört. In extremen Fälle triff dies auch zu. Doch die größte Einwirkung entsteht durch unser waches Nervensystem, unser lebendiges Gehirn, unsere betroffene Seele, unsere ständige Bewertung. Nennen Sie es wie Sie wollen. Es ist eben nicht nur unser mechanischer Körper, der betroffen ist und reagiert. Und deswegen muss eine Körpertherapie wie Rolfing mehr ansprechen als nur den „anfassbaren“ Körper. Und nur dann kann eine Behandlung wirken.

Schutz und Sicherheit

Orientierung im Schreck

Natürlich nutzen wir unser Nervensystem immer, in allen nur denkbaren Situationen: Wenn wir uns bewegen oder nur in die Gegend schauen. Wenn wir arbeiten oder netflixen – ausnahmslos. Etwas unterschwelliger und deswegen nicht so offensichtlich scannt unser Nervensystem uns und unsere Umgebung mit der Frage „Ist es sicher“. Es ist nicht nur das herankommende Auto, das wir unbewusst registrieren und unsere Aufmerksamkeit als Fußgänger von der Straße weg orientieren. Oder der wackelnde Stuhl, der uns automatisch etwas angespannter sitzen lässt. Es ist die fortwährend gestellte Frage „IST ES SICHER“. Meistens fahren wir mit dieser Frage im Autopiloten-Modus, ganz unbewusst.

Der Schreck in unseren Gliedern

Doch manchmal reicht dieser Autopiloten-Modus nicht, dann wird dies Schwelle zum Bewusstwerden durchbrochen, dann erschrecken wir uns. All unsere Sinne werden hinzugezogen und richten sich auf die Frage nach Sicherheit und Schutz. Damit schaltet unser Alarmsystem eine Stufe höher. Es ist die Situation unseres Nervensystems für Entscheidung: Vor oder zurück, Angriff oder Flucht, Aktivierung oder Ohnmacht. Der Schreck fährt uns sprichwörtlich in die Glieder. Die Frage danach aber ist, ober er auch wieder herausfährt. Wir wissen, dass dies bei Tieren der Fall ist, andernfalls ist ein Überleben nicht möglich. Als Mensch hingegen – mit unserem Bewusstsein und unseren sozialen Konventionen – haben da oft unsere Schwierigkeiten.

Verletzte Sicherheit verändert Ihre Haltung – nachhaltig

Wir sagen so leichtfertig, dass uns Ereignisse prägen. Ich denke, wir sollten das viel ernster nehmen und die Frage stellen in welcher Weise und in welche Richtung und ob wir das auch so wollen. Eine Verletzung oder Operation hinterlässt Spuren in unserem Nervensystem und unser Körper stellt die Frage nach Sicherheit – fortwährend. Und wenn diese Frage nicht beantwortet wird, dann stabilisieren wir uns etwas mehr als nötig, werden etwas steifer und fester als davor, bleiben etwas mehr auf der Hut. Und irgendwann klagen wir über Muskelverspannungen und Gelenkverschleiß. Es ist die fehlende Sicherheit aufgrund von Verletzungen die unsere Aufrichtung beschädigt.

Unser Nervensystem als Bewertung nach Verletzungen und Operationen

Nehmen Sie das Beispiel eins ausgeheilten Beinbruchs nach einem starken Sturz. Medizinisch gesehen ist alles bestens verheilt. Dennoch trauen sie der betroffenen Seite nicht so ganz. Sie werden diese fehlende Sicherheit vielleicht in Überzeugungen äußern wie „Nach meinem Unfall war mein Bein nie mehr wie davor“ oder „Nach meiner Operation mag ich links von mir keine fremden Menschen haben“. Der Schreck, der Eindruck des Erlebens steckt Ihnen immer noch in den Gliedern. Ganzheitliche Körpertherapien wie Somatic Experiencing oder Rolfing können helfen und Sicherheit wiederherstellen. Sie können zum Thema Heilung hier auch mehr nachlesen.

Wenn Verletzungen und Operationen unsere Ressourcen behindern

Kompass spiegelt sich im Auge einer Frau - der Kompass, den wir nach Verletzungen zur Aufrichtung brauchen
Der Blickwinkel auf unseren ist Kompass bleibt gleich

Unser Körper besitzt einen Kompass, mit dem unsere Aufrichtung und Bewegung im Raum organisiert wird. Dieser Kompass zeigt an, wo oben und unten und links und rechts ist. Der Blick auf diesen Kompass fällt uns jedoch nicht von allen Seiten gleich leicht. Wir haben Präferenzen, die tief in unser Nervensystem eingraviert sind.

Wir kennen alle die Unterscheidung in Rechts- und Linkshänder. Diese Händigkeit bezeichnet jedoch nicht nur unsere präferierte Schreibhand. (Mehr über die tieferliegenden Unterschiede können Sie hier nachlesen.) Vielmehr ist es meist die gesamte Körperseite, der wir mehr zutrauen. Die Seite, die wir zum Start einer Bewegung eher verwenden. So wie wir in der Orientierung zwischen rechts und links unsere Lieblingsseite haben, so gibt es entsprechend eine Ausrichtung zwischen Oben und Unten. Rolfing spricht dabei von Boden- und Raumorientierung. Auch hier gilt, wie starte ich Bewegungen. Welche Richtung unterstützt meine Ressourcen. Wenn ich aus einem Stuhl aufstehe, gehe ich dabei erst ein wenig in die Knie oder starte ich zuerst mit dem Körper in die Richtung des Aufstehens.

Ihre Ressourcen brauchen Platz

Deswegen macht es für unsere Aufrichtung nach Verletzungen einen großen Unterschied, wenn unsere Führungsseite oder -richtung behindert wird. Wenn Menschen mit Bodenorientierung, eine nachhaltige Fußverletzung haben. Oder lange feste Schuh-Einlagen tragen, dann wird ihnen dies in allen Bewegungen einen kleinen Nachteil bereiten. Ihr Körper würde gerne von unten starten. Doch das ist nicht sicher oder in der Sensorik des Bodens blockiert.

Umgekehrt der Fall, dass Sie raumorientiert sind. Angenommen Sie waren aber in Ihrer Schulzeit immer die Größte in der Klasse und haben versuchen Sie sich kleiner zu machen als Sie sind. Dann nutzen Sie die Orientierung nach oben nicht, obwohl dies die vorgezogene Richtung Ihres Nervensystems wäre. Es ist als fahren Sie mit angezogener Handbremse. Ihre Schulter wird wahrscheinlich der sprichwörtlichen Handbremse entsprechen. Die Symptome dort können von Verspannung bis Entzündung reichen. Und Sie ahnen es wohl, eine symptomorientierte Behandlung wird immer nur für kurze Zeit Linderung verschaffen.

Zusammenfassung

Unser Körper stellt sich der Herausforderung, als 2-Beiner aufrecht durch das Leben zu gehen. Zur Orientierung nutzt unser Nervensystem dafür eine fein abgestimmte Sensorik wie ein gut justierten Kompass. Einflüsse durch Unfälle und Operationen wirken jedoch oft nachhaltiger auf dieses stetig bewertende Nervensystem als auf unseren mechanischen Körper. Im Rolfing wird sowohl der greifbare Körper als auch unsere Bewertung, die Sicherheit dahinter und unsere Ausdrucksfähigkeit verstanden werden. Deswegen kann sich Rolfing zu Recht als ganzheitliche Körpertherapie bezeichnen.

Wenn Sie sich für die Körpertherapie Rolfing interessieren

Natürlich arbeitet Rolfing sehr spezifisch an und in betroffenem Gewebe. Aber neben dieser fokussierten Arbeit in den Faszien gibt es im Rolfing eben noch eine entscheidende Frage. Wie organisieren wir uns in unserem Körper? Wo liegen unsere Stärken und welche Freiheiten haben wir verloren? Oder anders ausgedrückt, wie können wir unseren Kompass wieder neu ausrichten. Eine Haltungsänderung ist das was wir im Rolfing oft sehen. Aber es ist nicht das Ziel. Das Ziel ist vielmehr in leichter Aufrichtung zu leben. Die Rolfing 10er Serie kann dafür ein guter Ansatz sein.