Altern des Fasziensystems

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Gesund älter werden

Altern eine Herausforderung für unsere Faszien

Altern ist der nachhaltigste Einfluss auf unser Fasziensystem. Zum einen ändert sich die Zusammensetzung unseres Faszien-Gewebes (Bindegewebe), so dass sich unsere natürliche Elastizität verringert.  Zum anderen sammeln sich negative Einflüsse wie Unfälle, Operationen, Schmerzen, Trauer in diesem Fasziensystem an bzw. schlagen sich darin nieder. Deswegen hat Peter Schwind Faszien auch treffend als „Gewebe unseres Lebens“ bezeichnet. Indem sich unser Leben formt, formen wir auch unser Fasziensystem und damit unsere Haltung. Dadurch ist unsere Körperhaltung der sichtbare Ausdruck dieses räumlichen Netzwerks aus Faszien.

Der gute Teil der Nachricht ist, dass wir in unserem Leben unsere Faszien formen. D.h., wir haben es auch in der Hand durch gewollt positive Einflüsse ungewollten negativen Einwirkungen entgegenzuarbeiten. Dabei sollten wir uns auch darüber im Klaren sein, dass es meist viel leichter und schneller ist, einen Schaden anzurichten als ihn zu beheben. Es ist wie bei einem Blechschaden mit unserem Auto, es genügt ein Schlag, um die Karosserie zu verformen, es bedarf vieler kleiner, gezielter Schläge, um die alte Form wiederherzustellen.

Rolfing – Instandhaltung und Pflege unseres Fasziensystems

Auch wenn Rolfing leider kein Anti-Aging versprechen kann, so ist es doch gerade im Alter wichtig, sich aktiv um die eigene Körperstruktur zu kümmern. Denn chronische Verspannungen sind keine Kleinigkeit, da sie durch die Druckerhöhung die Versorgung des Gewebes behindern, Nerven irritieren und zu einer Verdickung und Verfestigung von Faszien führen. Rolfing kann durch manuelle Behandlung Spannungen ausgleichen und ermöglicht das Wiedererlernen von Bewegungsmustern, die eine effizientere und verschleißfreie Bewegung erlauben.

Rolfing – Ein konkretes Beispiel

Bewegung in den Schritt, Großzehenballen stößt ab
Fuß leitet den Schritt

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir unsere Beine beim Gehen verwenden. Und dabei kann es genauso viele Gründe geben, warum wir dies nicht verschleißfrei und effizient tun. Zunächst das Ideal einer Bewegung: wir stoßen uns mit dem Großzehengrundgelenk von hinten in den Schritt ab. Dabei verwindet sich der gesamte Fuß, so dass die Ferse gerade hinter dem Körper bleibt. Dadurch kann dann das Knie ebenfalls gerade und ohne viel Scherkräfte im Gelenk unter dem Körper bleiben und die Hüfte öffnet sich.

Gehen mit den Reitermuskeln,

Innenschenkel leitet den Schritt

Demgegenüber steht ein Bewegungsmuster, indem wir unsere Reitermuskeln (die Beinmuskeln mit denen wir uns auf einem Pferd festklemmen können) über das Normalmaß hinaus zum Gehen nutzen. Der Fuß bleibt fester, das Sprunggelenk wird etwas mehr zur Seite gebeugt, das Knie zeigt nicht genau in die Schritt-Richtung, sondern leicht nach außen und unsere Hüftstreckung ist geringer. Manchmal ergibt sich der Eindruck von O-Beinen. Fuß-Knie- oder Hüftprobleme können die Folge sein. Die Gründe für solch ein Gehmuster reichen von Sprunggelenksverletzungen, Problemen mit den Zehen, hochtrainierter Bauchmuskulatur bis zur verinnerlichten Jugend-Überzeugung, dass solch ein Gehen cool ist.

Aus Rolfing Sicht muss nun manuell nicht nur der Muskeltonus der Reitermuskeln herabgesetzt werden, sondern auch ein Umtrainieren des „normalen“ Gehmusters erfolgen. Wie fühlt es sich an, wenn nicht die Reitermuskeln immer als erstes feuern, welche Alternativen gibt es? Wie lange verbleibt das rückwärtige Bein beim Gehen hinter der eigenen Körperachse? Die manuelle Arbeit kann eine Differenzierung unterschiedlicher Muskeln erreichen, eine Vergrößerung der Beweglichkeit im Fuß, eine Änderung der Verspannung im Knie. Faszienschichten können als Gleitflächen genutzt werden, so dass nicht unterschiedliche Muskeln als Block agieren. Genauso wichtig ist das Nutzen dieser neuen Freiräume, um so nachhaltig mehr Effizienz und weniger Verschleiß zu erreichen.

Fazit – Altern Fasziensystem

Die Sorge um die Effizienz des eigenen Körpers ist vor allem eine Sorge im Alter. In jungen Jahren können wir noch viel leichter Fehlfunktionen kompensieren. Doch mit der Zeit sammeln sich Verletzungen, Verschleiß und Fehlfunktionen an und unsere Bewegungsspielräume werden kleiner. Die Faszientherapie Rolfing wirkt hier wie eine gute Wartung und Instandsetzung der Maschinerie unseres Körpers. Sie „schmiert“ nicht nur unsere Beweglichkeit, sondern schult neue Gewohnheiten.

Das Leben besteht daraus, sich neue Gewohnheiten zuzulegen.

Mabel Elsworth Todd